Adoptions ABC

Ratschläge für den Alltag nach der Adoption

22.03.2008 Eva Maria Nielsen

Eine Adoption verändert das Leben aller Beteiligten. Der Anfang ist nicht immer leicht. Wie kann man dem gemeinsamen Leben gute Wachstumsbedingungen geben?

Das Adoptivkind hat schon viel hinter sich

Adoptivfamilien sind verletzlich. Alle haben Verluste erlitten. Die Eltern konnten oft keine Kinder bekommen, das Adoptivkind hat seine Kultur und seine biologische Familie verloren.

Schlimmstenfalls hat es niemals Urvertrauen aufbauen können, hat schlechte Erfahrungen mit unzuverlässigen Bezugspersonen gemacht und wurde verlassen und verletzt.

Adoptiveltern wünschen sich eine normale Kernfamilie

Adoptiveltern wünschen sich eine kleine intakte Familie. Ihr Kind soll sich schnell und problemlos an sie binden und sich – wenn es eine internationale Adoption war – trotz seiner ethnischen Identität in der neuen Heimat integrieren.

Adoptivfamilien etablieren eine psychologische Nabelschnur

Ein biologisches Kind bindet sich an seine Eltern, weil es deren Fürsorge erfährt. Es schreit und bekommt Essen; weint und wird getröstet. Seine Eltern stimulieren es. All dies hat das Adoptivkind wahrscheinlich nicht erfahren.

Diese Beziehung müssen sich Adoptiveltern und Kinder erst gemeinsam erarbeiten. Sie müssen sozusagen eine psychologische Nabelschnur aufbauen. Eine solche Bindung aufzubauen kann Jahre dauern. Aber es ist möglich.

Deshalb ist guter Rat teuer. Hier einige Tipps, wie Eltern (und Angehörige) den Prozess positiv unterstützen können.

Nach der Adoption:

  • In den ersten Wochen sollte das Kind nur Kontakt zu seinen Eltern haben und alle anderen – so sehr sie sich wünschen, das neue Familienmitglied zu sehen und zu verwöhnen - sollten sich gedulden. Ihre Zeit, die beste Tante, der lustigste Onkel, die liebste Oma oder stärkste Opa der Welt zu werden, wird kommen.
  • Das Kind muss lernen, wer sein Vater und seine Mutter sind. Deshalb dürfen nur die Eltern das Kind tragen, es trösten, wenn es traurig ist, und ihm zu Essen geben. Diese Zeit ist schwierig für alle, weil Adoptivkinder oft extrovertiert und kontaktfreudig sind, denn sie sind es gewohnt, dass sich verschiedene Menschen um sie kümmern.
  • Die Eltern sollten deshalb Besuche in der ersten Zeit vermeiden, um sich ganz auf ihr neues Familienmitglied konzentrieren zu können. Gemeinsam schaffen sie ein neues Zuhause. Der Alltag muss einfach und überschaubar; gerne mit festen Ritualen. Das gibt Sicherheit in einer Welt, die ansonsten erst mal aus den Angeln gehoben ist.
  • Ein Adoptivkind kann unruhig und aggressiv sein, wenn es sich nicht verstanden fühlt. Es ist wichtig, Ruhe und Stabilität zu schaffen.
  • Falls das Kind keinen physischen Kontakt zu seinen Eltern wünscht, sollten sie es nicht zwingen. Oft reagieren Kinder abweisend, weil sie einen (oder mehrere) Verluste erlebt haben, und deshalb auch wissen, was es heißt, sich an jemanden zu binden. Es ist Selbstschutz, weil der Schmerz und die Trauer zu überwältigend sind. Die Eltern sollten in der Nähe ihres Kindes bleiben, es eventuell fünf Sekunden länger auf dem Arm halten, als es will, und ihm dann seinem Wunsch nach physischer Distanz nachgeben.
  • Kleinkindermassage und Babyschwimmen sind „ungefährliche“ Wege, um Nähe zuzulassen.
  • Vielleicht wählt das Kind nur den Vater oder die Mutter und weist den anderen Elternteil ab. Oder es reagiert nur schwach auf seine Umgebung. Das Kind – und es alleine – bestimmt das Tempo der Annäherung. Vielleicht akzeptiert es, dass die Eltern vor ihm sitzen, während sie essen? Dürfen sie seinen Fuß oder seine Hand halten?
  • Adoptivkinder sind Überlebenskünstler, die oft versuchen, sich die Liebe ihrer Eltern zu sichern, indem sie es ihnen Recht machen. Deshalb sollen Eltern ihren Kindern zeigen und erzählen: "Ich liebe dich bedingungslos. Du brauchst dich für diese Liebe nicht verdient machen. Du bist mein Sohn/meine Tochter und nun gehören wir für immer zusammen."
  • Es ist wichtig, sich genügend Zeit zu nehmen, um das Kind zu trösten, wenn es traurig ist und Trauer und Schmerz miteinander auszuhalten, ohne zu vertrösten.

Fördern Sie die Sprachentwicklung

  • Um die Sprachentwicklung eines älteren ausländischen Adoptivkindes zu fördern, ist es wichtig, dass die Eltern sagen, was ihr Kind erlebt. Wenn es fällt, können sie sagen: „Au, du bist gefallen. Das muss weh tun. Ich puste jetzt.“
  • Singen, dichten, lesen, Körpersprache und Pantomimen erleichtern die Sprachentwicklung.
  • Die Eltern sollen sich bewusst machen, dass das Kind vielleicht zwei Jahre alt ist, aber oft die Spracherfahrung eines Säuglings hat. Wie alt ist es in der neuen Heimat? Es gilt, viel mit ihm zu sprechen; in Worte fassen, was sie gemeinsam tun, z.B.: Jetzt macht Mama den Kühlschrank auf und nimmt die Milch heraus.
  • Eltern können die Sinne ihrer Kinder jeden Tag stimulieren: Kannst du den Vogel singen hören? Fühl mal wie weich die Haut des Pfirsichs ist! Können wir den Hang hinabrollen? Was male ich auf deinen Rücken? Eiswürfel sind kalt. Das Badewasser ist warm.
  • Es ist hilfreich, die Wörter, die das Kind gelernt hat, auch in anderen Zusammenhängen zu wiederholen, damit es seinen Wortschatz erweitert.

Das Wichtigste:

Miteinander lachen und kuscheln; einfach das Leben genießen. Und niemals zu vergessen: Es lohnt sich, die psychologische Nabelschnur wachsen zu lassen.

Der Artikel Adoptions ABC in Erziehungsmethoden & Familienformen unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Adoptions ABC ist Eva Maria Nielsen.
;